Gesichter des Lebens


Gottesdienst in der St. Georgskirche in Sedl Bouchrie
Gottesdienst in der St. Georgskirche
St. Georgskirche in Sedl Bouchrie
St. Georgskirche in Sedl Bouchrie

Wie auch alle anderen, die nicht mit dem sog. IS kooperieren wollten, fielen die Christen der Apostolischen Kirche des Ostens dessen Politik zum Opfer, sowohl auf dem Gebiet des heutigen Irak, als auch im Nordosten Syriens. Unzählige Angehörige der Glaubensgemeinschaft im Khabourtal flohen, als der IS ihre Dörfer überrannte. Viele von ihnen kamen nach Beirut. Der Mittelpunkt des Glaubenslebens der Apostolischen Kirche des Ostens in Beirut ist die St. Georgs Kirche im Stadtteil Sedl Bouchrieh, einer Gemeindegründung, die auf Flüchtlinge nach dem Genozid 1915 zurückgeht. Vier Kirchen und eine Grundschule wurden im Laufe der Zeit gebaut. Bis zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs 1975 war ein ganzes assyrisches Viertel in Sedl Bouchrieh entstanden. Die mittlerweile einzig noch existierende Gemeinde, die aufgrund ihres christologischen Bekenntnisses aus der ökumenischen Gemeinschaft des Mittelöstlichen Kirchenrats ausgeschlossen ist, ist schon seit vielen Jahren mit der Frage nach den Flüchtlingen konfrontiert.Viele Familien aus den Dörfern am Khabur haben hier Zuflucht gefunden. Die finanziellen und personellen Ressourcen, diese Arbeit zu koordinieren und zu stemmen, sind gering. Schon im Jahr 2011 erzählte der Priester, dass die Gemeinde mit dieser Aufgabe eigentlich überfordert sei. Sie unternahmen, was ihnen möglich war. Gerade in den Jahren nach 2015 drängten sich Frauen, Männer und Kinder in den Bänken der eigentlich überschaubaren Gemeinde. Mit allen anderen Geflüchteten aus Syrien teilen sie das Schicksal, nicht arbeiten zu dürfen. Die damit verbundenen Existenznöte müssen nicht weiter ausgeführt werden. Das Land der Zedern ächzt unter 1,5 Mill. Geflüchteten aus Syrien, die nicht selten zum Prellbock von Frustrationen über Elektrizitätsausfall und Wasserknappheit werden in einem wirtschaftlich und politisch zerrütteten Land. Die desolate des Libanon, einhergehend mit einer großen Inflation, trifft die Geflüchteten ungleich härter. Es verwundert also nicht, dass die meisten auf ein Visum in die USA oder nach Australien warten, weil man hofft, dort eine sichere Zukunft zu haben. Eine Zukunft in der Region selbst sahen die meisten für sich nicht, da ihnen die Grundlage des Lebens und Glaubens genommen war. Die Gesichter vieler Frauen waren gezeichnet von der Flucht und die Emotionen konnten nicht zurückgehalten werden, als die in die Fürbitte aufgenommen wurden, die im Kampf gegen den IS gefallen oder weiterhin verwickelt waren. Die Gemeinde gab vielen Gläubigen in dieser Situation Halt, so Vivian Brakhya, aktives Mitglied der Gemeinde und sich gerade für die Ermöglichung medizinischer Versorgung für mittellose Gemeindeglieder einsetzend.  Oft lebten sie beengt in kleinen Wohnungen, viele um die Gesundheit gerade ihrer älteren Mitglieder bangend.

Hintergründe

Sehr früh etablierte sich christliches Leben auch jenseits der römischen Reichsgrenzen. Schon bald organisierten sich dort jene Christen in Orientierung an den Strukturen der Gemeinden im Imperium Romanum. Es gründeten sich Gemeinden, Bischofssitze entstanden. Das Zentrum jener Christen lag in Seleukia-Ktesiphon. Auf Synoden im 5. Jahrhundert nahmen sie ein christologisches Bekenntnis an, das sie des „Nestorianismus“ bezichtigte, einer Position, die im reichskirchlichen Fahrwasser als Häresie bezeichnet wurde. Ihre Überzeugungen fußten im Grunde aber auf der Position Theodor von Mopsuestias, einem der Theologen, deren Meinung an der sog. Schule von Edessa maßgeblich wurde. Dort erhielten die Christen aus Persien ihre theologische Bildung im beginnenden 5. Jahrhundert. So sprachen sie sich für die Rede von den zwei Naturen in Jesus Christus aus und nahmen dieses Bekenntnis 484 auf einer Synode als verbindliches Dogma im Gegensatz zur Haltung der Christen der Reichskirche im Imperium Romanum an.

Schon bald entstanden Gemeinden über weite Teile des persischen Raums und sogar darüber hinaus. So gibt die Stele von Xianfu auf dem Gebiet des heutigen China Auskunft, dass Alopen im Jahr 635 auch dort die „erleuchtete Religion“ hingebracht hatte. Wilhelm von Rubruk machte auf seiner Reise ins Mongolenreich im 13. Jahrhundert mit den Christen der Kirche des Ostens Bekanntschaft, die ihren Glauben dort leben durften. Die Eroberungszüge eines Timur Lenk waren es, die sie zwangen ins Bergland zurückzuweichen. Als sog. Bergnestorianer gestalteten sie eher zurückgezogen in der unwegsamen Bergwelt christliches Leben in syrischer Sprache in ihrer ostsyrischen Variante. Vor allem im letzten Jahrhundert wurden die Gläubigen der Apostolischen Kirche des Ostens Opfer von Genoziden und Übergriffen. Wie auch die armenisch-orthodoxen und die syrisch-orthodoxen Christen waren sie Zielscheibe der jungtürkischen Politik um die Jahre 1915 geworden, durch die unzählige Menschen starben, vertrieben wurden und Gemeindeleben an neuen Orten aufgebaut werden musste. Diese leidvolle Erfahrung setzte sich beispielsweise im Massaker von Semile im Jahr 1933 fort. Mittlerweile leben mehr Mitglieder jener Glaubensgemeinschaft in Sidney oder Chicago.

Zunehmend verband sich das religiöse Bekenntnis mit ethnischen Zuschreibungen. So verstehen sich die Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft auch als Nachfahren der alten Volksgruppe der Assyrer, die seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. bekannt waren und auf dessen archäologisches Erbe immer stolz verwiesen wird. Vor allem das neuassyrische Königreich beherrschte im 8./7. Jh. v. Chr. weite Teile des Nahen Ostens mit Ninive als Hauptstadt. Diese Zuschreibungsprozesse stehen im Kontext des Aufkommens der Rede der Nation im 19. Jahrhundert. Gerade auch in der Diaspora entstanden neben Kirchgemeinden Verbände ethnischer Prägung. In Deutschland ist der Zentralverband der Assyrischen Vereinigungen wohl am bekanntesten.

Mehr zu unserer Postkartenserie

Die Gesichter der Menschen, die flohen, sind gezeichnet von den Ereignissen in jenen Dörfern und Städten, in denen sie christliches Leben gestalteten. Diese Gesichter erzählen genau von jenen Ereignissen und stehen mit ihrem Leben dafür.

Wir wollen mit der Postkartenaktion die Hoffnung nähren, dass die Menschen in Würde und Sicherheit ihr Leben gestalten können und jene Gemeinschaft von Christen in ihrer Weise und in ihrer Sprache Glauben weiter gestalten vermag.

Die sechs Postkarten zeigen Menschen der assyrischen Gemeinde von Sedl Bouchrieh. Einige stammen aus dem Khabur-Tal in Syrien, andere sind aus dem Irak geflohen oder gehören schon immer der Gemeinde an.

Die Porträts hat der Beiruter Fotograf Wissam Andraos gemacht. Der 30-Jährige hat in Beirut und Modena (Italien) studiert und ist für seine Fotografien zu politischen und sozialen Themen bekannt.

Wir geben diese Postenkartensets gegen Spenden gerne weiter. Unter der folgenden E-Mail-Adresse können Postkarten bestellt werden: vorsitz@fokusnahost.org

Fokus Nahost e.V. bittet um Spenden für diese Flüchtlingsarbeit. Spenden mit dem Betreff „Gesichter des Lebens“ kommen dieser Arbeit direkt zugute.


Beispiele für die musikalische Tradition der Kirche des Ostens

Die Apostolische Kirche des Ostens, zu der auch die St. Georgskirche in Sedl Bouchrie gehört, ist für ihre reiche liturgische Tradition bekannt. Hier ein Beispiel für Lieder die im Gottesdienst noch heute gesungen werden.

Das Osterlied „Edyom Eda Goorele“ zu Deutsch: „Heute ist der Große Heilige Tag“


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Lied für jeden Tag: „Alaha itya gniza“, zu Deutsch: „Gott ist verborgen“

Die Liturgie der Gemeinschaft der Kirche des Ostens folgt vor allem der des Mari und Addai, auf die der Überlieferung nach der Gründung der Gemeinden der Apostolischen Kirche des Ostens zurückgehen soll. In ökumenischer Offenheit feiern sie mit ihren alten Gesängen die Liturgie als Geheimnis der göttlichen Offenbarung. Auf die Einsetzungsworte beim Abendmahl verzichtet die Liturgie beispielsweise.