Gesichter des Lebens

Mit dem Projekt „Gesichter des Lebens“ unterstützt Fokus Nahost e.V. die Flüchtlingsarbeit der assyrischen Gemeinde in Sedl Bouchrieh, einem Stadtteil von Beirut (Libanon). Kaum eine andere Volksgruppe im Nahen Osten ist mehr vom endgültigen Verschwinden bedroht wie die Assyrische Gemeinschaft. Ihre historischen Wurzeln gehen bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurück.

Gut 4000 Jahre lang waren Nordmesopotamien und Nordsyrien assyrisches Siedlungsgebiet. Heute aber, im 21. Jahrhundert, geben immer mehr AssyrerInnen die Hoffnung auf, dass der Nahe Osten auch für ihre Kinder Heimat sein kann. Zu oft wurden sie in den letzten hundert Jahren bedroht, vertrieben, getötet: 1915 beim Genozid durch die Jungtürken, 1933 beim Massaker von Semile durch irakische Regierungstruppen, 2015 bei der ethnischen Säuberung des syrischen Khaburtals durch den Islamischen Staat.

Mit den AssyrerInenn verlässt eines der ältesten Kulturvölker den Nahen Osten. Bereits im vierten (?) Jahrhundert nahmen sie das Christentum an. Bis heute werden ihre Gottesdienste auf Aramäisch gehalten, die Sprache, die auch Jesus gesprochen hat.

Die Assyrische Kirchen des Ostens, zu der auch die St. Georgskirche in Sedl Bouchrie gehört, ist für ihre reiche liturgische Tradition bekannt.


Youtube-Links

Lieder der Assyrischen Kirche auf youtube

1 – Osterlied „Edyom Eda Goorele“ zu Deutsch: „Heute ist der Große Heilige Tag“

Gesungen von Studierenden und Lehrenden der Patriarch Mar Dinkha IV-Schule in den USA

2 – Palmsonntag „Hosanna“ (mehrere Lieder) – gesungen von einem assyrischen Chor

3- Lied für jeden Tag: „Alaha itya gniza“, zu Deutsch: „Gott ist verborgen“

4 – Lied für jeden Tag „Haw d’Nooraneh zayein minneh“, zu Deutsch: „Wie die Engel vor Ihm erbeben“. Dieses Lied ehrt den Körper und das Blut des Herrn, die göttliche Liebe für die Menschen. Autor unbekannt, vermutlich geschrieben von St. Narsai. [KB1] Gesungen vom assyrischen Kirchenchor Stockholm, Schweden.

5 – Lied für jeden Tag „Awa d’qooshta“, zu Deutsch: Vater der Wahrheit. Geschrieben von St. Narsai, gesungen von Linda George.

Gemeinde Sedl Bouchrieh

Die assyrische Gemeinde im Beiruter Stadtteil Sedl Bouchrieh wurde in den 1930er Jahren von Überlebenden des Genozids 1915 gegründet. Vier Kirchen und eine Grundschule wurden im Laufe der Zeit gebaut. Bis zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs 1975 war ein ganzes assyrisches Viertel in Sedl Bouchrieh entstanden.

Seit einigen Jahren wandern aber immer mehr Assyrer:innen in die USA, nach Australien und nach Europa aus. Zu schlecht sind ihre Aussichten auf ein gedeihliches Leben im Libanon. Drei der Kirchen wurden in den letzten Jahren geschlossen.

Die älteste Kirche, die immer noch genutzt wird, ist dem Heiligen Sankt Georg gewidmet. Die Gottesdienstbesuchenden stammen heute vorwiegend aus dem Khabur-Tal (Syrien), das 2015 vom IS überrannt wurde. Viele Frauen und Mädchen wurden damals als Geiseln genommen, um den IS-Kämpfern als Sklavinnen zu dienen. Mit hohen Lösegeldsummen konnten bis heute fast alle wieder freigekauft werden. In Sedl Bouchrieh haben viele Familien aus den Dörfern am Khabur Zuflucht gefunden. Allerdings warten sie dort nur noch auf die Visa für westliche Staaten, um den Nahen Osten endgültig verlassen zu können.

Da sie offiziell im Libanon nicht arbeiten dürfen, ist ihre Lage prekär. In allen Lebenslagen werden sie von der Gemeinde in Sedl Bouchrieh unterstützt, sei es für Dinge des täglichen Bedarfs, bei Übersetzungen für Behörden, der Beschaffung von Medikamenten oder im gemeinsamen Gebet. So finden sie wenigstens in der Übergangszeit einen Anker in der Zusammengehörigkeit.

Fokus Nahost e.V. bittet um Spenden für diese Flüchtlingsarbeit. Spenden mit dem Betreff „Gesichter des Lebens“ kommen dieser Arbeit direkt zugute. ´

Zu den Postkarten

Die sechs Postkarten zeigen Menschen, die in der assyrischen Gemeinde von Sedl Bouchrieh Zuflucht gefunden haben. Einige stammen aus dem Khabur-Tal in Syrien, andere sind aus dem Irak geflohen.  

Die Postkartenserie steht unter dem Motto „Gesichter des Lebens“. Damit soll zum einen die Hoffnung ausgedrückt werden, dass das Leben trotz Verfolgung weitergeht, zum anderen soll damit aber auch betont werden, dass alle Menschen, egal welcher Ethnie oder Religion sie angehören, das Recht auf ein würdiges Leben haben.

Die Porträts hat der Beiruter Fotograf Wissam Andraos gemacht. Der 30-Jährige hat in Beirut und Modena (Italien) studiert und ist für seine Fotografien zu politischen und sozialen Themen bekannt.


Assyrer allgemein

Die heutigen Assyrer stellen sich in die Linie des antiken Assyrerreichs, das von Sargon I. gegründet wurde. Bis heute spricht diese Gruppe Aramäisch und auch die Liturgie wird auf aramäisch gehalten. Dabei ist nicht klar zu differenzieren, ob Assyrersein nun eine ethnische oder religiöse Zugehörigkeit bezeichnet. Sowohl die Angehörigen der Assyrischen Kirche des Ostens, wie auch die Alte Kirche des Ostens berufen sich auf das antike Assyrerreich. Doch auch andere Kirchen, die im Gottesdienst das Aramäische verwenden, zählen sich oftmals dazu, so auch manche chaldäischen, syrisch-orthodoxen und syrisch-katholischen Christ:innen. Daher rührt auch die oft synonym verwendete Bezeichnung als Aramäer.

Die Assyrer sind jedoch ein staatenloses Volk, das vor allem in den letzten hundert Jahren in alle Himmelsrichtungen zerstreut wurde, auch als Folge des Zerfalls des osmanischen Reichs und des Genozids von 1915 bis 1918. Im eigentlichen Stammland der Assyrer, dem Tur Abdin, leben heute nur noch etwa zweieinhalb Tausend Assyrer:innen. Die Geflüchteten wurden damals von Großbritannien und Frankreich im Irak angesiedelt. Die Hoffnung flammte auf, einen eigenen Staat gründen zu können. Doch die unterstellte Nähe zu Großbritannien und die Unabhängigkeitsbestrebungen wurden ihnen zum Verhängnis und sie wurden von der irakischen Armee verfolgt und vertrieben. Viele siedelten dann im Khabur-Tal – doch auch von dort wurden sie 2015 vom IS vertrieben.

Die wiederholten Überfälle und Verfolgungen ließen viele Assyrer:innen ins westliche Ausland emigrieren. Das führte zu einer drastischen Verkleinerung der Gruppe im Nahen Osten.Text Box: Bild assyrische Flagge

Die Assyrische Flagge hat einen weißen Hintergrund, auf dem sich drei gewellte Streifen von jeder Ecke auf das zentrale Motiv zubewegen. Das zentrale Motive ist ein viergezackter Stern, der gemeinhin als der Assyrische Stern bezeichnet wird. Im Mittelpunkt enthält der Stern einen goldenen (nicht gelben) Kreis, der auf Shamash, den Assyrischen Sonnengott, hindeutet. Shamash war der Gott, der allen Lebewesen auf Erden Leben gegeben hat. Durch die explodierenden und aufsteigenden Flammen produziert er Hitze und Licht, um die Erde und alle lebenden Dinge zu erhalten.
Der viergezackte Stern um die Sonne herum bezeichnet das Land, die hellblaue Farbe steht für Ruhe und Freude. Die gewellten Streifen entspringen den Gelenken des Sterns und entfernen sich zu den vier Ecken der Flagge. Sie symbolisieren die drei wichtigen Flüsse, die durch das Land Assyrien fließen. Die roten Streifen repräsentieren den Tigris, die blutrote Farbe steht für Mut, Ruhm und Stolz. Die dunkelblauen Streifen repräsentieren den Euphrat und Fülle/Überfluss. Die weißen Linien zwischen den zwei großen Flüssen symbolisieren den Fluss Zab oder Zawa und stehen für Ruhe und Frieden

Die Assyrische Nationalflagge

Die Assyrian Universal Alliance (AUA) wollte 1968 das Bedürfnis einer eigenen offiziellen nationalen Flagge für die assyrische Nation stillen. Mit großem Aufwand wurden verschiedene Designs und Vorschläge aus aller Welt gesammelt, um dem AUA Kongress zur Entscheidung vorgelegt zu werden.

George Bit Atanus aus Teheran, ein bekannter Assyrischer Künstler aus dem Iran, gewann den Wettbewerb. Die grundlegende Entscheidung für die Zustimmung zu dieser Flagge, war, dass der Künstler nicht nur seine eigenen Visionen darstellte; vielmehr hatte er lebhaft die alten Designs, die den vergangenen Glanz der Reliefs des assyrischen Reichs, ineinander verwoben und so eine kluge Mischung aus der Vergangenheit und gegenwärtigen Widerständen und Motivationen der Assyrischen Nation erfunden.